Otto Bollhagen - Als Industriemaler   Teil 2

Wen auch immer Bollhagen gemeint haben mag, er machte sich ab 1907 daran, seinen Erfahrungen als Maler von Stadtansichten und malerischen Bauwerken für die großen Schnelldampfer vertrauend, ein Renommee »für Gemälde und Zeichnungen von Hochperspektiven und Innendarstellungen großindustrieller Betriebe« aufzubauen. Das Perspektivzeichnen hatte zu seiner Ausbildung am Berliner Kunstgewerbemuseum gehört. Bollhagen war sicherlich seit seiner Berliner Zeit mit den Stadtansichten der Vedutenmaler und -stecher wie Johann David Schleuen oder Johann Georg Rosenberg vertraut, wie er auch die Panoramen des Eduard Gaertner gekannt haben dürfte. Die formalen Voraussetzungen für die Industrievedute lagen in der Veduten- und Architekturmalerei des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts.
Bollhagen begann, Werksanlagen aus der Vogelperspektive zu malen, war die Fabrikvedute bereits seit geraumer Zeit als Mittel der Firmenwerbung sehr beliebt.
Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an fand die Fabrikvedute große Verbreitung in der Gebrauchsgraphik der industriellen Unternehmen. Sie zierte Briefköpfe, Rechnungen, Preislisten oder Warenverzeichnisse, die in großen Auflagen gedruckt wurden. Der nächste Schritt war dann die Ablösung von den Firmenformularen und ihre Verselbständigung als Reklamebild, das als Druck, Postkarte oder als Buchbeilage den Geschäftspartnern überreicht wurde, wie die in Kapitel III angeführten Beispiele gezeigt haben. Eine weitere Stufe stellte dann die Ausschmückung von Kasinos und Verwaltungsgebäuden und den jeweiligen Treppenhäusern mit z.T. großformatigen Gemälden, von denen Bollhagen und seine Ateliermitarbeiter eine kaum überschaubare Anzahl hergestellt haben. Arbeiten dieser Art wurden z.T. in Großproduktion hergestellt. So warb der Leipziger Kunstverlag Eckert & Pflug damit, daß »die Firma 120 akademisch gebildete Künstler und Graveure« beschäftige. »Die Aufnahme industrieller Anlagen, dargestellt in wirkungsvoller Hochperspektive, pflegen wir seit vielen Jahren als einzige Spezialität.« Daneben gab es aber auch andere Maler wie z.B. Adolf Stampfer, der 1905/6 eine Ansicht von der Gewerkschaft Deutscher Kaiser malte, die nur gelegentlich mit Fabrikveduten befaßt waren.

Bei diesen Außenansichten, die die technisch exakte, genau wiedergegebene Industriearchitektur zum Bildinhalt hatten, war für Menschen in der Regel kein Platz. Denn diese vogelperspektivischen Ansichten drängten mit dem Anwachsen der Großindustrie die Landschaft immer weiter aus dem Bild und ließen ihr bald nur noch schmückende, arabeskenähnliche Funktionen übrig. Wenn also die Größe des Werkes die Weite der Landschaft aufgesogen hatte, wo sollte der Mensch da noch Platz finden? Ließen sich Menschen gelegentlich nicht umgehen, dann waren sie nur kleinfigurige Staffagegestalten. Selbst bei einem Ereignis wie dem Stapellauf eines Schnelldampfers waren die Gäste nur Randerscheinungen, die in Anbetracht der technischen Großleistung der Werft klein und ehrfurchtsvoll darzustellen waren. Auch bei den Teilansichten oder Ausschnitten vom Produktionsgelände, bei denen der Mensch z.B. zur Belebung einer Straßenbahnhaltestelle unverzichtbar war, blieb er dem Komplex Werksanlage untergeordnet. Eingeengt in einer Straßenschlucht stand der Mensch im Schatten, während die Sonnenstrahlen in freundlichen Farben auf die Fabrikgebäude fielen.

Zahlenmäßig viel umfangreicher als die Außenansichten waren Bollhagens Fabrikinterieurs. Auch bei diesen Arbeiten dominierte die technisch exakte Wiedergabe eines Produktionsprozesses oder irgendeiner damit verbundenen Tätigkeit, an der Menschen beteiligt waren. Aber es waren in erster Linie die mannigfaltigen, genau spezialisierten Verrichtungen der Werksarbeiter, die Bollhagen malte.
Der arbeitende Mensch war ein Glied in der Produktionskette, um deren verschiedene Entstehungsphasen es ging.
Eine sozialkritische Auseinandersetzung mit den Arbeitsbedingungen, wie sie im Werk von Hans Baluschek, Robert Sterl oder anderen erfolgte, lag nicht im Interesse der Auftraggeber, die das Schöne der Arbeit und nicht das Häßliche der Kehrseite industrieller Tätigkeit in ihren Büros oder Werksgebäuden als Wandschmuck sehen wollten.

Bei den Pikrinarbeiterinnen von Bayer, mitten in der Kriegszeit mit Munitionsherstellung beschäftigt, ging Bollhagen soweit, sie »im Stile van Gogh'scher Bäuerinnen darzustellen, also die Gefälligkeit der Darstellung in den Vordergrund zu rücken«. Dabei lag die Sicht der Arbeit aus Arbeiterperspektive keineswegs außerhalb Bollhagens Wahrnehmungshorizont. Er spürte deutlich, daß »bei den meisten Aufgaben immer noch Wirklichkeit und Dichtung vereinigt« wurden.

zum dritten Teil...

Unsere Leistungen:

  • Malerarbeiten
  • Aussenputz
  • Wärmedämmung
Weitere Leistungen...

Mitglied bei „Die Familienunternehmer-ASU”